Die Geschichte der großen Kaskade am Lietzensee
Wie die Grunewaldseen gehört auch der Lietzensee in Charlottenburg zu einer kilometerlangen Abflussrinne, die die Geländetopographie entlang des östlichen Grundwaldhanges während der letzten Eiszeit geprägt hat. Bis ins späte 19. Jahrhundert verlandeten die Wasserlöcher entlang dieser Abflussrinne zunehmend.
Mit der Besiedlung der Villenkolonie "Grunewald" am westlichen Ende des Kurfürstendammes entdeckte man nach 1890 jedoch den landschaftlichen Reiz von Seen inmitten einer Wohnbebauung. Folge war, dass im Bereich der im Entstehen begriffenen vornehmen Kolonie die verlandenden Sumpf- und Wasserflächen ausgebaggert und als Seen renaturiert wurden. Gleichermaßen verfuhr man wenig später mit dem heutigen Lietzensee. Um 1900 betrug dessen Wassertiefe gerade noch 20 cm.
Da der Lietzensee ähnlich wie die Grunewaldseen von einer vornehmen Wohnbebauung umgeben werden sollte, griff man 1904 ebenfalls zum Mittel des Ausbaggerns und gab dem See eine Wassertiefe von bis zu 2 Metern, ohne dabei jedoch den ursprünglichen Sandboden zu erreichen. Der Grund des Sees bestand deshalb aus Faulschlamm. 1905 kam es in Verbindung mit den Maßnahmen zur Gestaltung eines Sees an dessen südlichem Ende auch zur Anlage des Dernburg-Platzes, von dem aus der Blick über die Tiefe des Sees möglich wurde. Die Platzfläche auf Höhe des Straßenniveaus grenzte man mit einer verzierten Sandsteinbrüstung gegen den gärtnerisch gestalteten Geländeabfall zum See ab.
Die Folgen der zu geringen Wassertiefe ergaben sich sehr schnell: 1906 entwickelte sich erstmals ein starkes Algenwachstum, das bis zu unerträglichen Geruchsbelästigung in den folgenden Jahren immer wieder auftrat. Da mit dem Abschöpfen der Algen von der Wasseroberfläche keine dauerhafte Lösung zu erreichen war, blieb nur der Weg, den Wasserhaushalt nach einem Gutachten des Biologen Richard Kolkwitz durch Anreicherung mit Sauerstoff und mittels Zufuhr von Frischwasser grundlegend zu sanieren. Als Mittel zur Sauerstoffanreicherung sollte eine Kaskade dienen, die bereits 1910 am südlichen Ende des Sees an der Dernburgstraße in Verbindung mit bestehenden Platz vorgesehen war.
Entwickelt wurde in Verbindung mit einem Pumpenhaus ein technisch kompliziertes System von Tiefbrunnen und Rohrleitungen, das wechselweise das Zuführen von Grundwasser und Leitungswasser oder das Rückführen von Seewasser ermöglichte. 1913-14 wurden auf diese Weise im Zeitraum eines halben Jahres über 70.000 m³ Zuschusswasser dem See zugeführt, was eine sechsmalige Erneuerung des Seewassers bedeutete.
Die Finanzierung dieser "Anlage zur Spülung des Lietzensees" war einschließlich der Kosten für die Große Kaskade im Jahr 1912 in den Haushalt der Stadt Charlottenburg eingestellt. Die Große Kaskade wurde Entwurfsaufgabe für den am 1. Januar 1912 in das Amt des Charlottenburger Gartenbaudirektors berufenen Erwin Barth. Am 4. Dezember 1912 wurde sein konsequent moderner Entwurf von den Stadtverordneten bei geringen Modifikationen genehmigt. Fertiggestellt war die Große Kaskade bereits im April 1913.
Barth hatte eine Kaskade mit neun Wasserbecken entworfen, wobei die Becken bis zum Eintritt in den See zunehmend länger wurden. Das untere Becken schob sich fast halbrund in den See vor. In seinen Entwurf hatte Barth die sandsteinerne Brüstung von 1905 übernommen, selber stellte er seine Kaskadentreppen jedoch aus einem Kunststein her. Bei den Becken bestand lediglich die Überlaufschwelle von einem Becken zum nächsten aus Naturstein. Die in linear paralleler Begrenzung vom Dernburg-Platz zum See hinabführenden Kaskadenbecken begleiteten Treppen, die am Fußpunkt der Beckenfolge in die den Sees begleitenden Uferwege mit einer Pergolaarchitektur übergingen. Entstanden war eine Anlage in knapper sachlicher Gestaltung.