Kandelaber am Charlottenburger Tor
Die Rekonstruktion
Die im Dezember 2006 begonnene Suchschachtung ergab, dass die Fundamente der Kandelaber zum Teil noch vorhanden waren, allerdings mit diversen Leitungstrassen für Fernwärme, Telekommunikation usw. belegt. Nach Abschluss der aufwendigen Leitungsverlegungen bzw. Überbrückungen begann 2007 die klassische Mauerwerkserrichtung für das Postament und die Säulen, im Frühjahr 2008 wurde die Rohbauphase abgeschlossen. Im August 2008 wurden die Sockel mit Granit in modernen Verfahren verkleidet, so dass die Luft hinter der Fassade zirkulieren kann. Die Tuffsteinverkleidung über dem Sockel erfolgt in Hinterlüftungstechnik. Verwendet wird auch heute wieder der ursprünglich eingesetzte Ettringer Tuffstein - ein leichtes und weiches Vulkangestein. Die spätere energiesparende Beleuchtung der Kandelaber ist zusätzlich zur Straßenbeleuchtung geplant. Im Januar 2008 fand bereits eine Beleuchtungsprobe statt, bei der die Wahl auf ein gelblich-weißes Licht fiel, das die Farbe des Tuffsteins gut zur Geltung bringen wird.
Am 29. April 2009 übergab die Stiftung Denkmalschutz Berlin symbolisch die Reliefs mit dem Charlottenburger Wappen an die Bezirksbürgermeisterin Thiemen und Baustadtrat Gröhler. Die zwei 80 cm breiten Reliefs wurden durch die Firma OPUS über den Eingangstüren der nach Charlottenburg zeigenden Türen der beiden Kandelaber eingesetzt.
Im Juli 2009 wurde die Verkleidung der nördlichen und südlichen Säulenbasis mit Naturstein abgeschlossen. An den Sockeln ist der Figurenschmuck, z. B. die auf römischen Galeeren reitenden Seepferdchen, vollendet. Dem Besucher bot sich Ende August 2009 ein beeindruckender Blick auf das wiederentstehende Ensemble: die Säulenschäfte waren zu zwei Dritteln aufgemauert. Mitte November waren diese bereits bis auf die Höhe der Galerieumwehrung mit Naturstein verkleidet.
Am 10. Februar 2010, erhielten die Kandelaber am Charlottenburger Tor ihren königlichen Zierrat: die Kandelaber-Kronen und die Galerieumwehrungen. Die Galerien (im Durchmesser 5 Meter) und die Kandelaberspitzen (Höhe: 5,60 Meter) wurden nach erfolgter Vor-Ort-Montage mittels eines Hubkranes aufgesetzt. ... PRESSEINFORMATION
Die Rekonstruktion der Kandelaber wurde mit dem 30. April 2010 termingemäß beendet. Die Werbeplanen sind gefallen, das gewaltige Gerüst wird nun bis etwa Mitte Mai abgebaut und Berlin ist nun um eine Attraktion reicher. ... PRESSEINFORMATION
______________________________________________________________
Firma OPUS Denkmalpflege GmbH
Matthias Chronz, Geschäftsführer
Rekonstruktion der Kandelaber am Charlottenburger Tor
Die Modellerstellung bildhauerischer Elemente und der Formenbau
Aufgrund der schlechten Aktenlage, dem Fehlen von originalen Baudokumenten sowie aus-reichend scharfen Fotografien oder Beschreibungen gestaltet sich die Rekonstruktion als besonders schwierige Herausforderung.
Der figurale Schmuck der Kandelaber zeigt klare Elemente des Barock sowie des Jugendstils. Um aus unscharfen Fotos und wenigen Dokumenten eine vertretbare Rekonstruktion zu ermöglichen, kommen modernste Fotobearbeitungs- und digitale Zeichenprogramme zum Einsatz. Wichtig ist auch eine umfangreiche gestalterische Auseinandersetzung mit den jeweiligen Baustilen. Es werden unterschiedliche Ausschnitte entzerrt und gespiegelt, Schattenwürfe werden als mögliche Hinweise auf Kanten in der Ornamentik überprüft.
Während die Formensprache im Barock klaren Regeln folgt, gilt dies für den Jugendstil nicht. Dies birgt die Problematik bei anzuordnen Schattenkanten die als Hinweis auf Linien, Formen, Symbole gelten und entschlüsselt werden müssen. Alles ordnet sich dem Gesamtentwurf Kandelaber unter, wobei dieser sich in das Gesamtensemble Charlottenburger Tor einordnet.
Auch bei scheinbar klaren Befundlagen tauchen Fragen auf. Die Anläufer des Brückengeländers liegen sowohl als Entwurfszeichnung von Bernhard Schaede sowie als Fotographien in verhältnismäßig guter Qualität vor. Es zeigte sich, dass die Ausführung durch den individuellen Bildhauer nicht ganz dem Entwurf folgte. Gerade hier stellt sich die Frage: Folgt man bei der Interpretation dem Entwurf des Architekten oder wird versucht dem seinerzeit ausführenden Bildhauer nachzueifern.
Diese Details spiegeln einen kleinen Raum in der Welt der rekonstruierenden Bildhauer wieder, eine Betrachtungsperspektive die nur versierten Kunsthistoriker als auch rekonstruierend arbeitenden Künstlern vertraut zu scheinen mag.
Es ist das Bestreben aller Mitwirkenden am Kandelaberprojekt dem bauzeitlichen Kunstwerk so gerecht wie nur eben möglich zu werden. Technisch ist der Anspruch jedoch ein anderer. Der Bau ist an die Möglichkeiten und Erfordernisse der heutigen Zeit anzupassen. Die Nachteile des historischen Baumaterials sind mit modernen Mitteln zu kompensieren ohne dabei die Aura des Kunstwerkes zu beeinträchtigen. Der bauzeitlich verwendete Ettringer Tuff hat deutlich schlechtere bauphysikalische Eigenschaften als andere Natursteine. Abhilfe schafft hier die Hinterlüftung des Natursteins. Auskragende, der Bewitterung besonders ausgesetzte bildhauerische Elemente werden mit modernen, optisch dem Ettringer Tuff nachempfundenen Materialien hergestellt. Auf historischen Fotos ist erkennbar, dass schon bauzeitlich ein Materialwechsel bei den mächtigen, auskragenden Schiffsbügen erfolgte. Offensichtlich wurde schon seinerzeit der Tuff in diesem Bereich als nicht belastbar und langlebig genug erkannt.
Bei der Erstellung der Modelle greifen die Bildhauer zu traditionellen Werkstoffen wie Ton und Gips. Unklare Formen wo die Dokumente mehrere Interpretationen zulassen, werden in Ton modelliert und erst nach erfolgter Freigabe durch das Expertengremium in Gips umgesetzt. Nur wo die Vorlagen und Dokumente sehr klar sind, erfolgt die Modelerstellung direkt in Gips und wird als Gipsstuck angetragen. Erst wenn ein Modell, beispielsweise der Schiffsbüge, in seiner gestalterischen Gesamtheit freigegeben wurde, erfolgt die Abgusstechnik.
Die Anforderungen an die Formen sind groß; es müssen Massen bis über einem Kubikmeter aufgenommen werden und jede Form wird mehrfach eingesetzt. Grundsätzlich bestehen die Formen aus einem flexiblen Teil, welcher in der Regel aus mehreren Lagen Silikonkautschuk hergestellt wird. Diese Formen werden von mehrerem starren Formen, die aus Gips und Polyester bestehen gestützt und zusammengehalten. Da hier mit besonders schweren Formen gearbeitet wird, werden diese auf speziellen verfahrbaren Untergestellen fixiert. Beim Einfüllen der Gussmassen werden besondere Vibratoren eingesetzt um Blasenbildungen zu reduzieren. Das Ausformen erfolgt mit Hilfe von schwerem Hebezeug.
Die Nachbearbeitung der Oberflächen erfolgt mit traditionellem Steinmetzgerät als auch mit Sand- bzw. Kugelstrahlgeräten um die Sinterschicht des Gusses zu entfernen und die Struktur des Grundmaterials zu zeigen.
Berlin, 27.08.2008
__________________________________________________________
Zu Planung und Ablauf der Rekonstruktion: Herr Harry Nickel:
HochTief Construction AG
Harry Nickel - Projektleiter
Der bautechnische Wiederaufbau der Charlottenburger Kandelaber
Anfangs war durch HochTief zu erkunden, ob sich die alten Fundamente noch im Brückenbereich befinden oder ob wir neue Fundamente einbringen müssen. Als wir im Dezember 2006 mit der Suchschachtung begannen, stellten wir fest, dass die Fundamente zum Teil noch vorhanden waren, aber mit ihrer Oberkante tiefer lagen als angenommen. Es kam erschwerend hinzu, dass diese Fundamente als idealer Unterbau für alle öffentlichen Leitungsträger genutzt wurden. So verliefen eine komplette Fernwärmeversorgung, Telecomstraße und Starkstromstraße quer über die Fundamente. Da die Kandelaber aber nicht um ein, zwei Meter versetzt errichten werden konnten, musste eine andere Lösung gefunden werden.
Nachdem wir gemeinsam mit den Versorgungsträgen die Telekom- und Starkstromstraße umverlegt hatten, blieb die Fernwärmeleitung als Problem. Da keine Umverlegung in Betracht kam, mussten wir eine kragarmartige Betonüberbauung herstellen. Diese Ausführung erforderte einen gewaltigen Aufwand an zusätzlicher Bewehrung und einen erheblich höheren Arbeitsaufwand. So konnten wir die erforderlichen Fundamente nicht in einem Arbeitsgang betonieren, sondern mussten die Leistung in drei Abschnitte aufteilen, um eine direkte Belastung der überbauten Kanäle zu vermeiden. Im März 2007 konnten wir dann das erste Fundament betonieren und mit der eigentlichen Errichtung des Kandelabers beginnen.
Zuvor aber stand die Planung. Hier wurde gemeinsam mit Frau Goethe vom Statikbüro K+P die ersten statischen Konzepte erarbeitet. Es waren verschiedene Überlegungen notwendig, die bei einem Rohbau in Betonfertigteilbauweise begannen und bei einer klassischen Mauerwerkserrichtung mit hinterlüfteter Tuffsteinfassade endeten. Nach Klärung der Bauweise musste ein spezieller hartgebrannter Vollklinker mit einer erhöhten Festigkeit gefunden werden. Hier wurde dann auf einen im Kanalbau verwendeten Spezialklinker zurückgegriffen, der alle notwendigen Parameter erfüllte. Nach der Festlegung der Konstruktion für den Rohbau wurde die Planung der Kandelaber in fünf Bereiche – beginnend von unten – eingeteilt.
Der erste Bereich ist das Postament, der als Eingangsbereich der Kandelaber dient und in einem 49 cm bis 85 cm dicken Klinkermauerwerk hergestellt wird. Auf dem Postament beginnt die Basis (zweiter Bereich), welche zur Abdeckung des Postamentes und zur Aufnahme der Lasten aus der Säule notwendig ist, um eine Verjüngung von ca. 90 cm im Durchmesser erreichen zu können. Auf der Basis beginnt die eigentliche Säule als dritter Bereich, die aus 24 cm starkem Klinkermauerwerk und einer Höhe von 12 m errichtet wird. Auf der Säule beginnt die Galerie in einer Höhe von 15,25 m (vierter Bereich), die als Grundlage der späteren Beleuchtung dient. Der fünfte Bereich als Abschluss bildet die Bekrönung. Hier erreicht der Kandelaber eine stattliche Höhe von über 21 m. Als die Planung für den Rohbau beendet war, konnte im März 2007 mit den Mauererarbeiten begonnen werden.
Hierbei stellten wir fest, dass eine Rekonstruktion andere Ansprüche an das Können der Beteiligten erfordert als eine Restaurierung wie beim Charlottenburger Tor. Bei der Errichtung der Kandelaber musste nach DIN-Vorschriften und anerkannten Regeln der Technik gearbeitet werden. Ein Beispiel ist hierfür die Errichtung der hinterlüfteten Fassade aus Tuffstein. Eine hinterlüftete Fassade war 1905 noch nicht Stand der Technik. Frage wurde, wo der zusätzliche Platzbedarf für die Hinterlüftung gewonnen werden konnte? Resultat: durch Reduzierung der Rohbaumaßnahme. Da alle Beteiligten an der Baustelle viel Einsatz zeigten, wurde der Rohbau planmäßig zum Frühjahr 2008 fertig gestellt.
Parallel laufen zu den Rohbauarbeiten die Planungsprozesse für die Fassade. Somit waren alle Voraussetzungen für einen erfolgreichen Baubeginn der Tuffsteinfassade gegeben. Am 1. Juni 2008 wurde mit den Fassadenarbeiten begonnen, wobei hier als erstes der Granitsockel gesetzt wird. Somit liegen wir in dem uns vorgegebenen Terminplan und werden die Kandelaber fristgemäß im Frühjahr 2010 an die Stiftung Denkmalschutz und den Berlinern übergeben können.
Berlin, den 27.8.08

