Berlin, 08.12.2008
Aufregung um das Brandenburger Tor
Wenn es um ihr bedeutendstes Wahrzeichen geht, sind die Berliner hellwach. Schon vor einer Woche gab es erste aufgeregte Anrufe bei den Zeitungsredaktionen. Am Samstag berichtete der Tagesspiegel als Aufmacher auf der Lokalseite über „dicke Risse am Brandenburger Tor“. Das saß. Alle Berliner Zeitungen, zudem Agenturen und Radiosender nahmen sich des „B-Tores“ an, wie eines der berühmtesten Denkmale Deutschlands in den Redaktionen heißt. Offenbar gibt es neben dem Sommerloch auch ein Vorweihnachtsloch – der Sachverhalt ist die Aufregung nicht wirklich wert.
Im Auftrag der Stiftung Denkmalschutz Berlin werden seit einigen Wochen Maßnahmen zur Mängelbeseitigung am Brandenburger Tor durchgeführt. Bereits 2007 wurden bei routinemäßigen Überprüfungen feine Haarrisse an den Natursteinverkleidungen im „Haus der Stille“ bemerkt. Da die Gewährleistungszeit noch lief, entschied sich die Stiftung nach Abwägung aller Umstände und zur Vermeidung von langwierigen Auseinandersetzungen mit dem Senat, die Mängelbeseitigung auf ihre Kosten zu übernehmen. Dabei blieb offen, ob die aufgetretenen Mängel überhaupt ein Gewährleistungsfall sind oder auf Schwingungen und Erschütterungen zurück gehen, die erst im Anschluss an die 2002 abgeschlossene Sanierung das Tor belasteten.
Im Kern geht es um einen etwa 5 Meter langen Haarriss und einen zweiten an der Natursteinwand im „Haus der Stille“. Im Sommer 2008 wurde die Fachfirma OPUS – die 2001 mit der Sanierung beauftragte Firma ging zwischenzeitlich Konkurs – beauftragt, die Risse nach den Regeln der Technik freizulegen bis auf eine Breite von ca. 90 cm, dann Injektionsharze zu verpressen, die behandelten Flächen zu verputzen, den Deckputz zu bossieren, im Farbton „café au lait“ zu streichen und so den Naturstein zu imitieren.
Im November wurden somit aus Haarrissen bis zu 90 cm breite Risse – und aus einer Mücke ein Elefant. Besorgt wurde in den Medien sogar gefragt: „Fällt das Tor bald um?“ Aber das Tor steht fest, auch wenn es immer wieder erschüttert wird.
Es hat schon viel durchgemacht. Schon seine ursprüngliche Konstruktion lässt Wünsche an die Statik offen. Instandsetzungsmaßnahmen durchziehen seine fast 220-jährige Baugeschichte seit Beginn an. Seit dem 19. Jahrhundert waren die Fundamente der Durchfahrten infolge von Leitungsverlegungen geschädigt. Beim Wiederaufbau nach den Zerstörungen von 1945 waren die Decken der Torhäuser und der Fußgängerdurchgangshallen als durchgehende Betondecken ausgeführt und starr mit den Durchfahrten verbunden worden. Die Behebung unsachgemäß durchgeführter Reparaturen der Nachkriegszeit wurde in den 90er Jahren immer dringlicher, aufgrund der Haushaltsnot Berlins kam es zum ersten gemeinsamen Projekt des Landes Berlin mit der Stiftung Denkmalschutz Berlin. Die Sanierung des Tores wurde Ende 2002 abgeschlossen, 9 Mio. DM brutto investiert.
Im Zuge der aktuellen Instandsetzungsmaßnahmen wird nun das gesamte Tor untersucht, ob auch an anderen Stellen kleinere Schäden, wie Haarrisse in den Fugen und Oberflächen zu finden sind. Diese werden soweit vorhanden ausgebessert. „Alte Bauten brauchen Pflege“ – diese einfache Weisheit gilt auch für das Brandenburger Tor. „Für die nächsten zehn Jahre sollte aber nun Ruhe sein,“ sagt Geschäftsführer Chronz von OPUS.
Sollten in den nächsten Jahren aber erneut Risse in den Oberflächen auftreten, wäre eine genauere Untersuchung der Ursachen vielleicht unvermeidlich. Schwingungsmessungen wie in den 90er Jahren durch die Bundesanstalt für Materialprüfung und 2002 im Auftrag der Stiftung, die aufgrund des Nachweises der damals erheblichen Belastung des Tores durch den durchfahrenden KFZ-Verkehr zur Sperrung durch den damaligen Stadtentwicklungssenator Strieder führten, würden diesmal vielleicht noch andere Ursachen ergeben: unterirdische Baumaßnahmen für die neue U-Bahntrasse oder Schwerlastverkehr bei Groß-Events vor dem Tor.
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